So verläuft ein Tag im Internat Schloß Wittgenstein

von Cassandra K.

Bad Laasphe Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie ein Alltag im Internat aussieht? Hier ein Einblick in den Alltag der Internatsschüler auf Schloss Wittgenstein.

Der Tag beginnt mit dem Wecken durch einen Nachterzieher um 6:30 Uhr.
Um 7:00 Uhr gehen wir alle hinüber ins Schloss frühstücken. Dazu haben wir bis 7:30 Uhr Zeit, anschließend gehen wir in die Schule, die um 7:40 Uhr beginnt. 

Es gibt zwischen 11:30 und 13:30 Uhr Mittagessen. Dort geht jeder individuell, also je nach Stundenplan, hin. Das sogenannte Silentium beginnt um 14:00 Uhr und endet um 15:30 Uhr. In dieser Zeit fertigen die einzelnen Gruppen unter Aufsicht der Erzieher Hausaufgaben an. Es wird auch für bevorstehende Klassenarbeiten und Tests gelernt, manchmal auch mit Unterstützung eines Nachhilfelehrers.

Wir haben vier Internatsgruppen, die nach Jungen und Mädchen sowie Schulklassen getrennt sind. Jede Gruppe hat einen eigenen Erzieher, der für seine Schüler verantwortlich ist und sich um all ihre Belange kümmert.

Nach dem Nachmittagssnack um 15:30 Uhr haben wir Zeit für viele Freizeitaktivitäten. Dazu gehören Reiten, Golf, Aikido, Tennis, Schwimmen, Laufen und Fußball. Außerdem können wir den Nachmittag auch für einen Stadtbesuch in Bad Laasphe nutzen, um dort Einkäufe zu erledigen, Eis zu essen oder ins Freibad zu gehen.

Der Abend beginnt mit den Nachrichten um 18:00 Uhr. Danach bereiten wir uns auf den nächsten Schultag vor, packen unsere Schultaschen oder beenden die letzten Hausaufgaben. Anschließend gehen wir um 18:30 Uhr entweder gemeinsam zum Abendessen ins Schloss oder wir kochen selbst in unserer neuen Internatsküche.

Ab 19:00 Uhr haben wir wieder Freizeit, die zum Beispiel mit Fußballspielen, Gesellschaftsspielen oder gemeinsamen Gesprächen genutzt wird, bis es Zeit wird, ins Bett zu gehen. Es sei denn, man hat einen Fernsehabend angemeldet, dann dürfen wir auch länger aufbleiben.   

So sieht unser Alltag im Internat aus.

Die Wochenenden verlaufen etwas anders. Entweder fahren wir nach Hause zur Familie oder wir bleiben im Internat und unternehmen gemeinsam mit unseren Freunden erlebnisreiche Ausflüge, organisieren selbst Gemeinschaftsabende und Veranstaltungen und vieles mehr.


Aus dem Alltag unserer Internatsschüler

Hannahs Abitagebuch (Teil 1)

Die Schule hat wieder angefangen! Ich weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll. Nach 5 Wochen Sommerferien in Kalifornien/Los Angeles habe ich geteilte Gefühle. Einerseits wollte ich einfach mal zu Hause bleiben, aber andererseits habe ich mich auch gefreut, wieder aufs Internat zu kommen. 

Es ist nicht immer ganz einfach gewesen im Internat. Man ist weit weg von zu Hause und es ist wirklich schwer den Kontakt zu den Freunden daheim aufrecht zuhalten. Doch in den 4 Jahren in denen ich jetzt schon hier bin, habe ich gelernt, wer meine echten Freunde sind. Am Anfang hat man im Internat natürlich oft Heimweh und fühlt sich manchmal vielleicht auch unverstanden. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, mittlerweile bin ich froh, dass ich die Möglichkeit habe hier mein Abitur zu absolvieren. 

Besonders schwer getan habe ich mit den Zeiten im Internat und mich auch oft darüber beschwert. Jedoch bin ich jetzt froh gelernt zu haben, dass nicht alles nach meiner Nase tanzt und man Rücksicht auf andere nehmen muss. Zu Hause ist man auch oft alleine. Hier hat man eine Gemeinschaft, in der man Freunde, aber auch Feinde finden kann. Ich glaube, durch das ganze Leben hier, bin ich ziemlich Erwachsen geworden. 

Ich kann immer noch nicht fassen, dass das Abi jetzt schon vor der Tür steht. Das wurde mir erst richtig bewusst, als ich nach 3 Tagen Schule zu meiner letzten Stufenfahrt aufbrach. Die Fahrt war eigentlich ganz ok. Wir fuhren nach Avignon in Südfrankreich. Das 2 Sterne Hotel dort war schlicht, aber da wir jeden Tag etwas unternommen haben, ging es doch ganz gut. Mit unseren Lehrern hatten wir wirklich Glück. Vor allem mit einer Lehrerin hatte ich persönlich am meisten Spaß, als wir an einem Kinoparkplatz saßen und Camembert aßen! Falls sie dies lesen: Danke nochmal für alles! 

Am dritten Tag besuchten wir den Strand und die Hälfte unserer Stufe bekam starken Sonnenbrand. Ich zum Glück nicht, da sich auf meiner Haut durch die ganzen Mückenstiche sowieso keinen Platz mehr bot. Naja, nach einer Woche war die Aufregung vorbei und ich saß im Bus zurück. Fünfzehn Stunden später war ich dann endlich zu Hause. 

Jetzt habe ich schon seit 2 Wochen wieder Schule und wenn ich ehrlich bin, es ist zwar hart, aber im Gegensatz zu der anstrengenden Busfahrt ist das Leben hier eigentlich ganz ok. Auch wenn es ziemlich verrückt ist. In manchen Momenten kommt man sich schon komisch vor, weil ein paar Internatsschüler manchmal laut oder hyperaktiv sind. Aber ich denke, das gehört dazu. Man muss dies ja auch nicht negativ sehen. Dadurch lernt man, miteinander umzugehen. Ich meine, hier kann jeder hinkommen und es wird jedem die Möglichkeit gegeben, sich zu integrieren. Ich habe hier im Internat schon wirklich „komische Kauze“ kennengelernt. Aber ich meine, jeder ist doch irgendwo einzigartig oder nicht?

Abitagebuch (Teil 2)

„Hannahs Welt – Von der Zeit deren sinnvoller Nutzung“

Momentan habe ich sehr viel zu tun. Eine Klausurphase folgt der anderen und ich weiß nicht mehr, wo mir mein Kopf steht. Ich glaube sowieso, dass ich die falschen Leistungskurse gewählt habe: Deutsch und Biologie. Beides ist eigentlich ziemlich interessant, wenn nur das viele Lernen nicht wäre… Naja. Es wird mir nicht schaden!

Das Abitur steht bald vor der Tür und ich kenne jetzt schon meine Klausurtermine. Irgendwie freue ich mich schon darauf, endlich die Schule zu beenden. Ich habe jedoch auch ziemliche Angst, es nicht zu schaffen. Eine schlechte Schülerin bin ich nicht, aber trotzdem ist es schon ein gewisser Druck unter dem ich stehe. Ich habe keine Ahnung, ob ich ihm Stand halten kann. Mittlerweile habe ich 4 Mal in der Woche 10 Stunden Unterricht am Tag und nur montags 8 Stunden. Irgendwo hat der Montag also doch etwas Positives an sich. Wenn ich gerade einmal nicht lerne, probe ich für den am 5. Dezember anstehenden Schlossmarkt, auf dem ich in der Aula einen Auftritt habe. Dort performe ich ein selbstgeschriebenes Lied, welches mir sehr viel bedeutet. Da ich neulich zu meinem 19. Geburtstag eine Walden Gitarre geschenkt bekommen habe, habe ich jetzt auch das perfekte Equipment zum üben. Bald steht auch noch das Weihnachtsdinner vom Internat an.

Dieses Jahr wollte ich eigentlich auch dort mit zwei Mitschülerinnen ein selbstgeschriebenes Lied vortragen, welches wir extra für das Dinner vorbereitet hatten. Es war perfekt für den 4.12. zugeschnitten und beinhaltete Internatsinsider und lustige Nikolaussprüche. Jedoch wurde das Dinner jetzt auf den letzten Donnerstag vor den Ferien verschoben, was mich etwas enttäuscht hat, da wir uns sehr viel Mühe mit dem Texten gegeben haben. Aber man kann es nicht ändern. Das ist auch etwas, was ich hier auf dem Internat gelernt habe. Das Leben ist kein Ponnyhof, auch wenn es hier einen Reitstall gibt. Man bekommt nicht immer alles so, wie man es gerne hätte. Zu Hause ist das vielleicht in manchen Situationen anders. Manchmal wirkt bei Mama, oder in meinem Fall bei meinem Onkel, auch der berühmte „Hundeblick“.

Da ich mich ja momentan sehr viel mit Musik beschäftige, um mal zwischen den Klausuren mein Gehirn runterzufahren, stelle ich momentan fest, dass hinter jedem Lied eine Geschichte steht. Irgendetwas muss ja passiert sein, dass der Sänger oder die Sängerin ihre Emotionen so in ihren Gesang legen. Und ein Kurzreferat über ein Zitat meiner Wahl in meinem Biologie Leistungskurs hat mich in diesem Zusammenhang zum Denken angeregt. Ich habe mir bewusst Zitate zum Thema „Zeit“ heraus gesucht, da ich denke, dass die Zeit mit allem und jedem in Verbindung steht. Wie auch z.B. den Geschichten, die in Liedern erzählt werden. Ich suchte mir das Zitat: „Zeit ist Geld“ von Benjamin Franklin heraus, welches er in seinem Buch „Ratschläge für junge Kaufleute“ 1748 veröffentlichte. Ich finde es sehr interessant. Ich weiß zwar nicht, wie er es persönlich interpretiert hat, jedoch interpretiere ich es so: 

Man benutzt Zeit, um Geld zu verdienen und gibt das Geld dann wieder für etwas aus, wofür jemand anderes seine Zeit geopfert hat. Dies erscheint mir wie ein ewiger Kreislauf. Doch manche Menschen verbringen ihre ganze Zeit damit, Geld zu verdienen. Wieso? Ich finde, man sollte die Zeit, die man braucht um Geld zu verdienen, mit Vergnügen verbinden. Deshalb mache ich ja momentan auch Abitur, damit ich irgendwann mal erfolgreich als Journalistin Geld verdienen kann, womit ich gleichzeitig auch gerne meine Freizeit fülle. Doch was ist „Zeit“ eigentlich? Dazu habe ich noch ein schönes Zitat von Albert Einstein gefunden. Es lautet: „Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.“ Zeit ist also relativ.

Doch wofür verwenden wir überhaupt unsere wertvolle Zeit? Uns kommt ein Tag schon manchmal lang vor, aber wenn man sich überlegt, wie lange man eigentlich schon lebt und das einem das bis jetzt eigentlich ziemlich kurz vorgekommen ist, ist das eher komisch. Ich persönlich denke, dass ich selbst nur ein ganz kleiner Teil einer unvorstellbar langen Zeit bin. Aber wofür dann die ganzen Qualen? Wofür leben wir eigentlich? Damit wir es anderen Menschen Recht machen, die nur einen sehr geringen Teil der Unendlichkeit in Anspruch nehmen? Ich bin der Meinung, jeder sollte genau das machen, was er selbst für richtig hält und sich nicht zu sehr von anderen Menschen beeinflussen lassen. Denn es ist dein Leben und du selbst bestimmt, was du magst, was du willst und wie du deine Zeit sinnvoll nutzt. Doch was ist sinnvoll?

Nachdem ich mir diese Frage gestellt habe, habe ich im Internet nach den Dingen gesucht, die der durchschnittliche Mensch in seinem Leben so macht und wie viel Zeit seines Lebens dafür drauf geht. Wir gehen jetzt mal von einer Lebensdauer von 66,7 Jahren aus. Wussten Sie, dass der Mensch davon ca. 6 Monate lang auf der Toilette sitzt? Oder wussten Sie, dass der Durchschnittsmensch nur ca. 9 Monate lang mit seinen Kindern spielt, was dieselbe Zeit beansprucht, wie das Waschen und Bügeln von Wäsche? Insgesamt sitzt der Durchschnittsmensch ca. 2 Jahre und 6 Monate in seinem Auto, wobei er 6 Monate davon im Stau steht. Aber was mich am meisten zum Denken gebracht hat, ist, dass wir 1/3 unseres Lebens einfach nur verschlafen. Also sollte man die restliche Zeit, in der man wach ist, doch wenigstens etwas Spaß haben. Natürlich hat man Rechte und Pflichten und man sollte sich schon nach den Normen der Gesellschaft richten. Doch was in diesem Rahmen machbar ist und einen wirklich interessiert, sollte man auch machen. Die Schule bzw. Bildung beansprucht nicht mal halb so viel Zeit wie uns unser Job uns später beschäftigen wird. Deshalb denke ich mir momentan einfach nur „Augen zu und durch!“, weil ich später mit Freude sagen möchte, dass ich meine wertvolle Zeit, die ja eigentlich nur relativ ist, nach meiner Vorstellung genutzt und verwirklicht habe. Genau das treibt mich momentan noch an. Deswegen: Danke Herr Dr. Müller! 

Mit diesem Eintrag beende ich nun mein Abitagebuch. Ich habe im Moment einfach viel zu wenig Zeit um etwas über die ganzen Klausuren und den Stress in der Schule zu schreiben, da dieser ja nun mal besteht. Ich hoffe Sie fanden meinen Bericht über das Abitur und meine Sichtweisen als 19 jährige Schülerin nicht zu langweilig.

Hannah Billich 

Hannahs Abitagebuch Teil 3

Jeder Abschied ist ein neuer Anfang

Langsam beginnt der Ernst des Lebens. Seit ein paar Wochen habe ich keine Schule mehr und ich bekomme nur noch meine Noten verkündet. Auf einmal hat man nichts mehr, was einem vorgegeben wird. Ich weiß noch nicht so recht, wie ich damit umgehen soll. Ich habe mir einen kleinen Nebenjob gesucht, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Da ich meine Noten ja noch nicht kenne, kommt es mir jeden Tag so vor, als würden meine Abiturklausuren einfach immer schlechter ausfallen. Deshalb tut es dann eigentlich ganz gut, wenn man mal was zu tun hat. Ablenkung. Die suche ich momentan. Mich beschäftigt es, wie es mit mir weiter geht. Was soll ich studieren? Wo will ich hingehen? Auf der Suche nach meinem Traumstudium bin ich auf viele verschiedene Studiengänge gestoßen. Man kann ja wirklich jeden Scheiß studieren. Ich bin mir eigentlich relativ sicher, dass ich in die Richtung Journalismus gehen möchte. Ich bin mir nur noch nicht sicher über welchen Studiengang ich meinen Traumberuf erlernen möchte. Man kann schließlich über viele verschiedene Studiengänge in den Journalismus hineinrutschen. Aber noch kann ich mich ja nicht bewerben. Noch bin ich auf Schloss Wittgenstein.

Irgendwie kann ich mich noch nicht hier von trennen. Nach fast 5 Jahren Internatsleben fällt es mir wirklich schwer während der Woche zu Hause zu sein, was mich selbst etwas verwundert, weil ich sonst eigentlich immer nach Hause wollte. Die Leute hier sind mir eben ans Herz gewachsen. Nicht nur die Tatsache, dass mein Freund in einem Nachbarort wohnt, sondern auch meine Mitschüler und Betreuer halten mich hier. Man kann die Beziehung zwischen Internatlern mit der Beziehung zwischen Geschwistern vergleichen. Die kann man sich eben nicht aussuchen, aber irgendwie werden sie zu einem Teil von einem selbst.

Ich bin momentan die älteste Internatsschülerin, mache also nur noch was mit Jüngeren. Meine beste Freundin hier im Internat ist Amelié P., welche zwar erst 16 Jahre alt ist, aber vom Geist her benimmt sie sich viel älter. Mit ihr habe ich schon Unglaubliches erlebt, auch schon viel Scheiße gebaut. Weihnachtsmarkt-Wochenenden waren immer lustig mit ihr und heimliche nächtliche Krisensitzungen waren nach den Ferien auch immer amüsant. Wenn wir nicht gemeinsam Gedichte oder Lieder schrieben, lachten wir über jeden Unfug und hatten Unmengen an Spaß. Amelié? Ich hab dich echt lieb und wenn du mal wieder eine schwierige Phase hast, dann denk dir, dass, wenn man dich jetzt auf den Kopf stellst, du sogar lächelst!

Ihre Zimmermitbewohnerin Cassandra K. war von späten Besuchen zwar oft nicht begeistert, wird die versuche sie zum Lachen zu bringen aber denke ich mal auch vermissen. Die "Krasse Kasse" repräsentiert die typische Internatlerin, wie man sie aus Hanni und Nanni Büchern kennt. Ich hab sie total lieb gewonnen und werde es vermissen mich mit Snacks bei ihr durchzuschnorren. (Die JumJum-Suppen waren die besten!)

Am Anfang unseres Flures wohnt Sarah Emami, mit der ich auch schon sehr viel durchgemacht habe. Meine "Hacki" und ich hatten schon außergewöhnliche Nächte zusammen, in denen wir lustige Stefan Raab Videos oder den Film Monster AG guckten. Auch wenn wir uns oft in den Haaren hatten: Danke für alles Hacki! In dem Zimmer neben mir wohnte Elisaveta M. aus Moskau. Wir teilen die Liebe zur Musik und auch wenn es viele Leute genervt hat, haben wir im Flur oft lauthals gesungen und einfach Spaß gehabt. Unser Motto, deins ist auch meins, hat mir oft geholfen, vor allem wenn meine Haare nass waren und ich mal wieder meinen Föhn vergessen hatte. Danke!

Jetzt komme ich zu Laura T., die mit dem lauten Organ. Sie ist die beste Freundin von Cassandra und hat mich am Europapark-Wochenende wirklich unglaublich genervt. Nachdem sie um 10 Uhr abends schon schlafen wollte, obwohl wir vor hatten die Nacht durchzumachen, ließ sie auch noch bei brennendem Licht das Fenster unseres Zimmers auf, wodurch unser Zimmer von einer Insektenplage heimgesucht wurde. Im Nachhinein ist es lustig und auch dich Laura hab ich ins Herz geschlossen.

Ihre andere "beste" Freundin, Valentina B., ging mir mindestens genauso oft auf den Geist, wie Laura. Manchmal hatte sie gute und manchmal schlechte Tage und an ihren guten Tagen kann man auch viel mit ihr erleben. Lustige Touren im Phantasialand und Filmeabende waren witzig, auch wenn ihre wohlgemeinte Hilfsbereitschaft mich öfters überforderte.

Nun komme ich zu Verena M.-B., die für mich wie meine kleine Schwester ist. Sie sieht mir sogar ziemlich ähnlich. Sie ist mindestens genauso oft ebenso schlecht gelaunt wie ich, ist aber eigentlich ein herzensguter Mensch. Ich sag dir nur eins Verena: Hau nochmal richtig rein in der Schule, damit du später genau das machen kannst, was du willst! Hab dich lieb.

Ihre Zimmernachbarin Katharina S. ist mittlerweile eine gute Freundin für mich geworden. Wenn einer von uns ein Problem hat, versuchen wir immer gemeinsam dieses zu lösen und das kann bei uns auch mal im Streit enden, welcher sich aber nach einem gewissen Zeitraum auch immer wieder gelegt hat. Kat, ich hoffe du hörst auch noch auf meinen Rat, wenn ich weg bin, du Verrückte!

Neben den beiden ist ein weiteres Doppelzimmer, in dem Hanna M., meine Namensfetterin, wohnt. Selbst wenn sie am Heulen und Verzweifeln ist, bringe ich sie immer wieder zum Lachen und dann spielen wir zusammen Ukulele oder Gitarre. Schlechte Laune gibt es bei uns nicht! Und immer wenn du ein Problem hast, kannst du mich liebend gerne anrufen, ich hoffe das weißt du Hanna.

Mit den Jungs habe ich auch ein bisschen was zu tun. Mit Paul S. spielte ich Playstation (Need for Speed Underground 2!) und mit Marvin I. hatte ich zwar oft Diskussionen über seine Art sich auszudrücken, aber im Grunde ist er eigentlich auch wirklich ein nettes Kerlchen.

Andreas M., der schon länger als ich hier auf dem Internat ist, ist in den ganzen Jahren ein bisschen zu meinem kleinen Bruder mutiert. Ich habe ihn größer werden sehen, habe mitbekommen, wie er seine erste Freundin hatte, und wenn er einen Rat brauchte, ist er auch meistens zu mir gekommen. Andy, bleib so wie du bist und lass dich nicht verbiegen.

Mittlerweile fühle ich mich ein bisschen wie eine Internatsmutter. Jeder kommt mit seinen Problemen zu mir und ich höre auch immer gerne zu. Ich glaube, dass viele Mitschüler mir hier vertrauen, weil ich es einfach nicht weiter erzähle, wenn mir jemand etwas anvertraut. Das ist hier am Dorf nicht ganz normal. Hier wird viel getratscht und vor allem gehen Gerüchte hier herum wie ein Lauffeuer. Ich bin froh, dass so viele Menschen Wert auf meine Meinung legen und werde es auch sehr vermissen meinen Internatsgeschwistern einen guten Rat zu geben.

Ich habe jetzt nicht jeden mit in meinen kleinen Abschlussbericht hier gebracht, weil er sonst einfach zu lang werden würde. Aber mir ist es wichtig, dass ich den Leuten, die mich in den letzten 5 Jahren begleitet haben, mit diesem Schreiben noch einmal etwas mitgebe. Zwar bin ich jetzt weg, ich weiß aber, dass ich immer ein Teil unserer kleinen Internatsfamilie bleiben werde, auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, adoptiert zu sein.

Jetzt wo ich gehen muss, kommen zeitgleich natürlich auch viele neue Schüler aufs Internat, und auch unter diesen habe ich eine wirklich nette Freundin gefunden. Martin A. ist einfach auf meinem Niveau und ich denke wirklich, dass ich auch nach meiner Internatszeit den Kontakt zu ihr aufrecht erhalten möchte. Es war wirklich nett, dich kennen gelernt zu haben, du bist wirklich in Ordnung!

Auf meinem Weg haben mich natürlich nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer und Erzieher begleitet. Auch wenn ich oft mit meiner Gruppenleiterin Frau Jähne Differenzen hatte, bin ich froh, dass sie mich in den letzten Jahren auch unterstützt hat. Frau Hammer, mit der ich schon viele lustige Gespräche hatte, hat mir besonders in Französisch geholfen. Ohne Sie wäre ich wahrscheinlich nicht mal auf einen einzigen Punkt gekommen. Herr Schütz ist immer für einen guten Witz zu haben, und hat mich besonders im Bereich Mathe gefördert. Ohne Sie wäre ich nicht durch die Integralrechnung gekommen!

Nun komme ich zu Herr Kaufmann. Sie sind einfach der coolste! Mit Ihnen kann man ernst reden, aber man kann auch einfach mal Scheiß labern. Als meinen persönlichen Studienberater schätze ich Sie sehr und ich hoffe, ich werde auch zu Ihnen den Kontakt nicht verlieren!

Am wichtigsten ist mir aber der Nachdienst geworden. Herr Damm ist zwar streng, aber wenn ich ein Problem hatte, konnte ich immer zu ihm kommen. Wir haben uns gemeinsam mit wichtigen Themen und meiner Zukunft auseinander gesetzt, was mich auch oft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat. Danke Herr Damm! Sie sind mir wirklich sehr wichtig geworden.

Und die Beste kommt zum Schluss: Frau Schubert. Diese Frau ist meine beste Freundin geworden. Das hört sich jetzt komisch an, weil der Altersunterschied zwar ziemlich hoch ist, aber wir sagen immer, sie ist eigentlich erst 23 Jahre alt. Mit Frau Schubi rede ich über alles, und ich weiß, dass ich in ihr eine richtige Freundin gefunden habe. Ich weiß, dass man so etwas nicht an jeder zweiten Straßenecke findet. Sie sind eine der wichtigsten Personen in meinem Leben geworden und ich weiß, dass wir auch befreundet bleiben werden. Auch wenn ich mit Herr Damm und Frau Schubi schon viele Differenzen hatte, weil ich morgens einfach nicht aufstehen kann. Irgendwann haben sie es mir aber auch nicht mehr so übel genommen.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich hier viele nette Menschen kennen gelernt habe und auch sehr viel von und mit ihnen gelernt habe. Oft habe ich auf den Abschluss von Schule und Internat hingefiebert, doch jetzt wo er vor der Tür steht, fällt es mir doch ganz schön schwer Abschied zu nehmen. Ich kann euch jetzt schon sagen: Ich werde mir an meinem letzten Tag meine Augen ausheulen. Aber wo sich eine Tür schließt, öffnet sich auch immer eine andere.

Eure Hannah


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Der Ernst des Lebens hat nun für mich begonnen!

Seit ca. einem halben Jahr lerne ich jetzt auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Erwachsen werden ist gar nicht so cool, wie man sich das als Schülerin mal vorgestellt hat.Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es so stressig wird. Ich habe mir in der vergangenen Zeit seit meinem Abitur ein Zimmer in einer WG gesucht und bin dort eingezogen. Habe in einer Eisdiele am Wochenende und in der Woche bei einer Datensicherungsfirma gearbeitet. Habe mich an verschiedensten Universitäten informiert und beworben und wurde nun in meiner Heimatstadt Siegen im Studienfach Medienwissenschaft in Kombination mit Sprache und Kommunikation angenommen. Puh!

Dies alles zu koordinieren viel mir schwer, aber hätte ich die Vorbereitung und Unterstützung durch unser Internat nicht gehabt, wäre es mir wahrscheinlich deutlich schwerer gefallen. Das Internat ist zu meiner Heimat geworden und wenn ich ehrlich bin, hätte ich niemals gedacht, dass ich es so sehr vermissen würde, wie ich es tue: Jede Woche bekomme ich Nachrichten, dass ich vermisst werde und etwas am Internat fehlt. Wenn jemand ein Problem hat, ruft er mich immer noch an. Dies zeigt mir, dass ich immer noch ein Teil unserer Gemeinschaft bin. Deshalb bin ich ja auch nochmal zu Besuch gekommen um meiner Internatsfamilie erneut Gesellschaft zu leisten.

In dem halben Jahr hat sich viel verändert, nur nicht, dass ich mich immer noch genauso zu Hause fühle wie in dem Moment, als ich fort ging.

Ich kam in Bad Laasphe an und wurde schon herzlichst von meiner liebsten Frau Schubi in Empfang genommen. Im Bus malte ich mir schon aus, was ich alles erzählen würde und dachte beim Fahren an schöne Momente, die ich in der Stadt schon mit meinen Freunden erlebt hatte. Nach einem leckeren Spagettieis in der Eisdiele machten wir uns dann auf den Weg zum Schloss und nahezu bei jedem zweiten Baum freute ich mich mehr, endlich wieder das Internat zu besuchen.

Als ich ankam saß mein Empfangskomitee schon vorne im Foyer auf den Sofas und ich freute mich, all die bekannten Gesichter wieder zu sehen. Natürlich musste ich erstmal ein paar Geschichten loswerden, die sich in der Zwischenzeit so angesammelt hatten. Herr Kaufmann führte mich kurz durchs Internat und ich konnte mir anschauen, was sich zwischendurch verändert hatte: Die neuen Internatsschüler konnte ich durch die Fotos im Flur gleich erkennen, Mädchenflur und Foyer wurden farblich umgestaltet und besonders stolz war ich, als ich mein Bild im Büro des Internatsleiters entdeckte. Ich hatte für Herrn Kaufmann im letzten Jahr einen Stier gezeichnet, sein Sternzeichen, und ein für ihn sehr passendes Motto (Veni, Vidi, Vici!) dazu geschrieben. Auch unser Selfie vom Besuch der Uni Marburg war gerahmt. Ich war echt gerührt.

Danach ging es auch schon ab zu den Nachrichten. Die stehen noch immer um 18:00 Uhr auf dem Programm. Nach den unzähligen Berichten über Flüchtlingsankünfte und Unterbringungsnöte, welche meiner Meinung nach nur gut aufgefangen werden können, wenn die Flüchtlinge vor Ort in den Institutionen kompetent begleitet und mitfühlend unterstützt werden, gingen wir gemeinsam zum Abendessen in den Gewölbekeller des Schlosses. Dort sah ich auch Laura endlich wieder. Sie arbeitet bei uns in der Küche und wir hatten uns gegenseitig schon sehr vermisst. Wir quatschten und verabredeten uns noch für später. Endlich gab es wieder etwas Warmes zu essen (Ich muss ja jetzt selber kochen, wozu ich meistens nicht die Zeit finde bzw. auch oft keine Lust habe).

Zurück im Internat wurde mir natürlich erstmal unser in Arbeit stehender neuer Fitnessraum präsentiert, welcher jetzt von ein paar der „kleinen“ Jungs aufgemotzt wird. Dann kam Laura auch schon wieder um Amélie und mich abzuholen und wir düsten noch ein bisschen durch die Stadt, Fotoboxbesuch inklusive.

Nach dem Abendstadtgang unterhielten wir uns gemeinsam noch etwas mit Herrn Damm, unserem liebenswürdigen Nachtbetreuer, über meine momentane Situation und natürlich ging es um das Thema der Flüchtlingsaufnahme in Deutschland. Wir diskutierten mit einer Internatsschülerin von uns, die sich momentan in der Notunterkunft für Flüchtlinge in Bad Laasphe ehrenamtlich als Übersetzerin (Arabisch und Persisch) engagiert. Eine tolle Sache, wie ich finde!

Ich übernachtete bei Amélie und wir holten die ganzen verpassten „Krisensitzungen“, die wir nach den Sommerferien nur telefonisch abhalten konnten, natürlich noch nach. Wenige Stunden Schlaf später klingelte morgens auch schon der Wecker und ich versuchte aus Reflex meinen nicht vorhandenen Schulranzen zu packen. Ich dachte, ich hätte Unterricht. Das war ja diesmal leider nicht der Fall. Nach dem Frühstück ging ich noch mit in den Matheunterricht und stellte fest, dass ich leider immer noch nichts verstand. (Sorry Herr Kramer!) Schulisch hatte sich eigentlich nicht viel verändert in der Zeit in der ich nicht da war. Nachdem ich dann noch eine Stunde in der Bibliothek verbrachte, ging ich zum Lehrerzimmer, in dem mich Herr Marczoch, mein alter Schulleiter, mit Begeisterung in Empfang nahm. Ich erzählte immer wieder, was sich in meinem Leben so getan hätte und ich hatte wirklich das Gefühl willkommen zu sein. Alle Lehrer, die mich sahen, sprachen mich an und fragten, wie es mir gehe, obwohl ich bei manchen gar keinen Unterricht gehabt hatte. Ich fühlte mich einfach wieder wie zu Hause und begriff, dass ich zu einem festen Bestandteil des Internats geworden war. Das ist ein unglaublich tolles Gefühl, zu wissen, dass du Menschen hast, die hinter dir stehen und dir helfen. Auch dann, wenn du einmal in eine missliche Lage kommst oder Probleme hast.

Nachdem ich dann die meisten Lehrer „abgeklappert“ hatte, begab ich mich zurück ins Internat, wo ich mich zunächst noch mit unserer Reinigungskraft unterhielt um danach dann mit Herrn Kaufmann noch ein bisschen rumzublödeln. Nach einem kleinen „Powernap“ auf dem Sofa, währenddessen Herr Kaufmann noch einem Termin nachging, trafen wir uns nochmal beim Essen. Danach musste ich dann auch schon wieder nach Siegen abreisen. Ich wurde richtig traurig, als ich unseren Campus verließ. Aber ich werde wieder kommen! Das verspreche ich. Es war schön nochmal da gewesen zu sein und alle meine Leute wieder gesehen zu haben. Viele haben mir versprochen, mich mal besuchen zu kommen und ich freue mich auch schon auf mein nächstes Treffen mit Herr Kaufmann, Frau Schubi und anderen vom Internat, die ich sehr sehr lieb gewonnen habe!

Liebe Grüße

Eure Hannah Billich