Auf den Spuren Adolf Eichmanns

Schüler erhalten Einblicke in die Akte eines NS-Verbrechers

„Ich habe nie wirklich etwas damit Zutun gehabt, ich habe lediglich die Befehle und Anweisungen von oben befolgt“. So äußert sich Adolf Eichmann unzählige Male während seiner vielen Verhöre, die der Nationalsozialist wegen seiner mithilfe an den Juden-Deportationen in die Konzentrationslager über sich ergehen lassen musste. Sein Handeln während des Zweiten Weltkrieges bedeutete für Millionen von Juden in Deutschland das baldige Ende.

Da die Vertreibung und die gewaltsame Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland eine große Rolle in der deutschen Geschichte spielt, hatten die Schülerinnen und Schüler der Q1 und Q2  des Gymnasium Schloss Wittgensteins am vergangenen Freitagvormittag die Gelegenheit, Einblicke in die originalen Verhöre von Adolf Eichmann zu erhalten.

Die Theatergruppe „Hannoversche Kammerspiele“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Protokolle des Falles Adolf Eichmann in Form einer szenischen Lesung vor Schülern zu präsentieren um auf die erschreckenden damaligen Vorfälle durch reale Beispiele aufmerksam zu machen und die Geschichte hautnah zu erleben. Der Vortrag wurde geprägt durch originale Zeitungsschlagzeilen ab dem Jahr 1933, kürzere Auszüge aus dem Buch „Kuriositäten aus dem dritten Reich“ und Teilen aus den Verhören Eichmanns.

Der in Österreich geborene Adolf Eichmann führte ein unauffälliges, normales Leben, wurde kirchlich erzogen und konnte anfangs beruflich keinen festen Fuß fassen. Nachdem er in Österreich bereits der SS beigetreten war, ging er 1933 nach Deutschland und hoffte dort auf größeren Erfolg. Er fühlte sich im Laufe der Jahre der NSDAP immer mehr verpflichtet und wurde 1934 nach Berlin versetzt, wo er zunächst für die Erschaffung der sogenannten „Freimaurerkartei“ und später für die gezielte Vertreibung der Juden zuständig war.

Sein Handeln für Deutschland spitzte sich im Laufe der Jahre immer weiter zu, bis er schließlich für die gesamte Organisation der Deportationen der Juden aus Deutschland verantwortlich war. In den Protokollen weigerte sich Eichmann stets die vollständige Wahrheit preiszugeben. „In den ersten Jahren machte ich mir keine großen Gedanken über den Nationalsozialismus. Ich stimmte dem Kampf gegen Versailles und dem Bau der Reichsautobahn vollkommen zu“, so Eichmann während seiner Verhöre.

Im Laufe der weiteren Befragungen streitet Eichmann allerdings alles ab: Er habe weder jemanden umgebracht, noch habe er eine direkte Mitschuld an der Massentötung der Juden in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern während des Krieges gehabt. „Der Führer hat die physische Vernichtung aller Juden befohlen“. Mit diesen Äußerungen weist Eichmann alle Schuld von sich und gibt sich dem Ranghöheren.

Doch unschuldig war Eichmann keineswegs: wie aus seinen Aktivitäten hervorging, war er stets bemüht die Transporte der Juden in die Lagerstätten über die Eisenbahnstrecken immer auszuführen. Dabei war es unwichtig, unter welchen Bedingungen die Menschen transportiert wurden: zusammengepfercht ohne ausreichend Wasser, Nahrung  oder die nötige Luft zum Atmen wurden sie deportiert - Alte und Kranke starben oft schon während der Fahrt selbst.

Doch wie kommt es, dass Menschen dazu im Stande waren, seinesgleichen mutwillig, gewaltsam und gewissenslos auf diese Art und Weise zu foltern und schließlich zu töten? Wie konnte es Eichmann gelingen, trotz seiner enormen  Mitschuld nach Ende des Zweiten Weltkrieges unterzutauchen und sicher allen Strafen zu entkommen? Diese und weitere Fragen konnten im Anschluss an den Vortrag der beiden Referenten  von den Schülern gestellt und im Gegenzug beantwortet werden, auch wenn es auf viele Fragen bis heute keine eindeutigen Antworten gibt.

Diese Art von Prävention aus der Sicht eines NS-Täters  gibt Aufschluss darüber, wie weit es unter dem Einfluss der Nationalsozialisten bereits gekommen war und  dass sich Teile der Geschichte in Zukunft niemals wiederholen dürfen und sollen.

Text und Foto: Lena Marie Heinrich