Taten statt Worte

Am Internat Schloss Wittgenstein wird Integration gelebt / Schülern wird viel geboten

aus dem Siegerländer Wochen-Anzeiger, Boris Edelmann

Bad Laasphe.

Wer den Begriff „Internat“ hört, dem kommen vielleicht unwillkürlich Assoziationen wie „elitär“ oder „verstaubteTraditionen“ in den Sinn. Mancher mag an den „Club der toten Dichter“ denken, in dem der Konflikt zwischender konservativen Internats-Schulleitung und den nach Selbstentfaltung strebenden Jungen thematisiert wird.

Im Falle des Bad Laaspher Schloss-Internats geht das allerdings so weit an der Realität vorbei, wie die Lahnstadt von den Vereinigten Staaten entfernt ist. Elitäres sucht man hier vergebens. Hier wird Integration gelebt, hier ist man weltoffen und aufgeschlossen. Und das schonseit 1954. Damals gründete die Familie Kämmerling die Privatschulen und das Internat. Und auch wenn man am Schloss Wittgenstein mit Recht stolz ist auf die Vergangenheit und so manch schöne Tradition – staubig ist hier wahrlich nichts!

Wenn man die Räumlichkeiten betritt, fallen sofort die farbigen Fotos an den Wänden auf. Auf ihnen sind die vielen Aktivitäten abgebildet, die Schüler und Betreuer gemeinsam während des Jahres unternommen haben. Es gibt mehrere gemütliche Aufenthaltsräume mit Sofas, im Eingangsbereich tummeln sich die Schüler auf Ledersesseln. Überhaupt herrscht einfamiliärer Charakter.

Die jüngsten Internatsschüler besuchen die 7. Klasse, die Älteren die Oberstufe des unmittelbar benachbarten Gymnasiums Schloss Wittgenstein oder die Realschule. Vor Ort gibt es eine Mensa, Musikräume, zwei Turnhallen, eine Reithalle und vieles mehr. Daraus resultiert ein „Campus-Charakter“, wie der Betreuer Wolfgang Schütz erläutert: „Es ist alles da. Das Schlossliegt abgeschieden und bietet damit die nötige Ruhe. Andererseits sind wir aber auch nicht zu weit von der Stadt entfernt, sodass die Schüler auch mal dorthin gehen können.“ Natürlich hat auch die Nähe des Internats zu den Schulen große Vorteile: „Der Kontakt zu den Kollegen ist sehr gut. Wir haben hier eine enge Anbindung und kurze Wege“, freut sich Schütz.

Durch die geringe Schülerzahl ist ein intensiver Kontakt zwischen den Betreuern und Jugendlichen sehr gut möglich. Die Betreuer übernehmen im Alltag sozusagen die Rolle der Eltern. Sie kümmern sich um sämtliche Erfordernisse in allen Lebensbereichen: Sie besorgen Hefte und Stifte, helfen bei den Hausaufgaben, stehen als Gesprächspartner bei Problemen bereit und organisieren Arzt Termine.

Ein großer Pluspunkt in puncto Lernen ist, dass das Kollegium „positiv heterogen aufgestellt“ ist, wie Wolfgang Schütz erzählt. Dies betrifft sowohl das Alter der Kollegen als auch die fachliche Kompetenz. So decken die vier Kollegen fast alle Schulfächer ab und können bei Bedarf den Schülern helfen.

Außerdem bieten sie den Mädchen und Jungen vielfältige Aktivitäten und AGs an, die von den Schülern mit großer Begeisterung wahrgenommen werden (Fußball, Tennis, Tanzen, Reiten, Joggen, Kampfsport, Schwimmen, Kochen, ...). Auch der Golfplatz in Sassenhausen wurde bereits mehrfach besucht oder das Bogenschießen geübt.

An den Wochenenden können die Jugendlichen entweder nach Hause zu ihren Eltern fahren oder an spannenden Unternehmungen teilnehmen. Die Internatswochenenden sind nicht verpflichtend, werden aber gerne wahrgenommen. Kein Wunder, stehen doch dabei regelmäßig spannende Dinge wie Gleitschirm-Fliegen, Ausflüge in den Europapark Rust oder nach Berlin sowie Wellnesswochenenden und vieles mehr auf dem Programm. Demnächst bietet Susanne Hammer ein Reiterwochenende für die Mädels an, Wolfgang Schütz plant derweil für die Jungs einen Besuch im Stadion eines Bundesligavereins.

Insgesamt ist am Schloss-Internat eine 24-Stunden-Betreuung gegeben. Allerdings müssen die Schüler nicht rund um die Uhr am Internat bleiben. Sie haben ausreichend Freizeit und dürfen das Gelände verlassen, um beispielsweise in Laasphe ins Kino oder Fitness-Studio zu gehen oder sich einfach mit Freunden zu treffen. Umgekehrt dürfen natürlich auch Freunde mitgebracht werden. „Bis 22 Uhr“ habe sie Ausgang, erklärt Elizaveta Mironov, eine 16-jährige Schülerin aus Moskau. Sie wohnt seit August in Bad Laasphe und hatte zuvor ein Jahr lang in Münster-Warendorf gelebt. Dort hat es ihr allerdings nicht so gut gefallen. „Hier ist es besser, wie eine kleine Familie. Und am Wochenende wird immer was gemacht“, sagt sie. Besonders gut gefällt ihr der nahe Reitstall, denn sie hat ihr Pferd „Quarterback“ mitgebracht und verbringt dort so viel Zeit wie möglich. Wegen des Reitens will sie nach dem Abitur auch in Aachen oder Warendorf studieren. „Management oder Neurobiologie“ befinden sich in der engeren Auswahl. Eliza hat also schon sehr konkrete Vorstellungen von ihrer Zukunft.

Im Musikraum proben Jintae Kim und Petr Sokolov mit der Schulband. Jintae besucht die 10. Klasse des Gymnasiums. Er ist vor zwei Jahren als Leistungsschwimmer gemeinsam mit seinem Bruder Pyo und seiner Mutter nach Bad Laasphe gekommen. „Meine Mutter findet das deutsche Schulsystem besser als das koreanische“, nennt Jintae den Grund, warum er aus Korea in die Lahnstadt gezogen ist. „Außerdem lassen sich hier die Schulausbildung und das Leistungsschwimmen besser vereinbaren.“ Die Familie Kim hat eine Wohnung in der Lahnstadt, weshalb Jintae an den Wochenendaktivitäten nur noch sporadisch teilnimmt. „Außerdem habe ich viele Wettkämpfe und trainiere viel“, sagt er. Dennoch lobt er das Programm: „Wir werden zur Selbständigkeit erzogen, indem wir selbst mitbestimmen dürfen, was gemacht wird. Es ist viel Sport dabei. Das gefällt mir sehr gut.“

Petr Sokolov ist durch seinen Vater aus Russland nach Deutschland gekommen. Der hatte in der ehemaligen DDR gearbeitet und somit noch viele Bekannte in Deutschland. „Mit der Ausbildung ist es in Russland momentan nicht so einfach“, erläutert der Hobby-Gitarrist und glühende Nirvana-Fan. Deshalb wolle er auch vermutlich in Deutschland bleiben und nach der Schule ein Studium aufnehmen. „Entweder Arzt oder Lehrer in den Fächern Musik, Russisch und Mathe“ will er werden. „Aber auf jeden Fall will ich weiter Musik machen.“ Wie gut, dass es im Schloss einen eigenen Proberaum und vor allem viele Gleichgesinnte gibt.

Gemein ist den Schülern aus aller Welt übrigens eines: Sie jagen mit großer Begeisterung dem runden Leder in der Fußball-AG nach. Und sie haben klare Vorstellungen von der Zukunft. Auf die sie am Internat Schloss Wittgenstein bestens vorbereitet werden. In einer äußerst familiären Atmosphäre.

Und das scheint sich herumgesprochen zu haben. Denn auf dem Rundgang durch die Schule verriet Boris Kämmerling, dass sich derzeit ein Schüler aus China und einer aus Kasachstand in der Warteschleife befinden und bald am Institut aufgenommen werden könnten. Weitere Informationen finden Interessierte im Internet auf www.wittgenstein.de.

ede